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risikogruppe „erfolgreich in der digitalbranche“

Du Online Marketer, SEO, E-Commerce-Manager, Gründer, Agentur-Chef, Entwickler, Manager oder Freelancer und hast Erfolg in der digitalen Welt? Dann gehörst du möglicherweise zu einer Risikogruppe für seelische Störungen.

Ich kann das nicht wissenschaftlich belegen. Im Anhang findest du allerdings einige Quellen, die diesen Schluss nahe legen. Doch vertraue dir selbst und frage dich, wie all das hier für dich klingt. Vielleicht entspricht es ohnehin deiner Lebensrealität oder deiner Beobachtung. Dann vertraue deinem Bauchgefühl – eine Fähigkeit, die alle erfolgreichen Menschen entwickelt haben. 

Was soll mit der Digital-Branche nicht stimmen? | Wir wirkt sich das auf das „Personal“ aus? | Warum sind erfolgreiche Digitalmanager noch mehr gefährdet? | Welche Störungen drohen? | Sind wir also alle krank? | Was kann man da tun? | Quellen

Übrigens: Dazu habe ich auch in dem Podcast „Über den Tellerrand“ mit Kai Spriestersbach gesprochen. Wer also lieber hört als liest, kann dort einsteigen. 

was soll mit der digitalbranche nicht stimmen?

So frei, so lässig und alles ist möglich – im Internet. Kaufen per Klick, Freunde über Social Media und natürlich alles Wissen auf einen Blick! Alles ist super und mühelos um Web der unbegrenzten Möglichkeiten. Oder? Wir, die wir darin arbeiten, haben da natürlich einen differenzierteren Blick drauf. Ich zum Beispiel, warte immer noch auf den Online-Marketing-Kunden, der einen Satz sagt wie „Ach, das können wir spielend umsetzen.“ Vermutlich wissen die meisten meiner Leser, was ich meine. Das Problem ist doch:

  • Die Ideen und Fantasien sind nahezu unbegrenzt,
  • die technischen Ressourcen sind jedoch ohnehin schon überfordert, denn
  • die vorhandene Basis ist ein gewachsenes Ungeheuer.
  • Bevor ein Projekt abgeschlossen ist, stehen schon wieder drei neue an und
  • messbare Vergleichsgrößen sind Mangelware.
  • Doch überall lesen wir von wahnsinnig erfolgreichen Wettbewerbern oder Shooting-Stars – bei denen alles super läuft

Ich will euch die Arbeit mit Bits und Bytes nicht madig machen. Aber, mal unter uns: Auch und gerade in der Digital-Branche wird nur mit Wasser gekocht. Und selbst manche Webprojekte von großen Konzernen wirken ein bisschen wie „Jugend forscht“ – nur mit Erwachsenen und mehr Budget.

Und weißt du was? Gerade diese Unfertigkeit macht die Arbeit als Digital-Arbeiter ja spannend. Wir alle haben die Chance, etwas zu gestalten. Das könnte großartig sein – wenn nicht… 

… viele so tun würden, als wenn schon alles einfach, berechenbar wäre und nur noch umgesetzt werden müsste.

… wir nicht ständig die scheinbaren Erfolgsmodelle der Konkurrenz kopieren müssten – obwohl die auch nicht funktionieren.

… viele Nicht-Digital-Arbeiter meinen, Arbeit im und für das Internet wäre nichts wert.

… und so weiter. Was sind deine Bremsklötze?

Fazit: Es ist nicht alles nur schick, was digital glänzt. Und statt mit Aufbruchstimmung sind wir an vielen Stellen mit Unsicherheiten, Ungenauigkeiten und Unverständnis konfrontiert.

was macht das mit dem „personal“ der digitalbranche?

Es gibt so viele Situationen, in den das digitale Personal gezwungen wird, zu lügen, zu täuschen oder sich selbst zu verleugnen:

  • Stell dir vor, du betreibst den Instagram-Account für dein Unternehmen. Dann wirst du schöne Bilder posten und darunter posten, wie schön das Leben bei euch ist. Selbst, wenn das gelogen ist.
  • Stell dir vor, du hast gelernt, wissenschaftlich fundiert zu arbeiten – und nun stehst du als „SEO“ vor der Black Box „Google“, die hin und wieder ihr Verhalten ändert. Du möchtest aber verlässlich und evidenzbasiert arbeiten.
  • Stell dir vor, du bist Marketing Manager und man erwartet von dir fundierte Abschätzungen darüber, welche Maßnahme sich in den Sozialen Medien in die Zukunft lohnen wird. Willst du den vorhandenen Zahlen glauben – die vermutlich sehr geschönt sind?
  • Stell dir vor, du bist Entwickler und bekommst den Arbeitsauftrag, eben mal eBay oder Immobilienscout nachzuprogrammieren.
  • Stell dir vor, du hast als Gründer eine sensationelle digitale Produkt-Idee für die du brennst – und die Investoren fragen dich lediglich nach dem Revenue in drei Jahren.
  • Stell dir vor, du gründest mit 29 Jahren eine Agentur und hast drei Jahre später 30 Mitarbeiter mit all ihren Wünschen und Nöten.

Ähnliche Geschichten kennen wir alle. Ich habe das Glück mit Geschäftsführungen und mit dem Bodenpersonal zu arbeiten. Und ich kenne die Nöte von beiden Ebenen: Die Welt gewöhnt sich erst an die digitale Zukunft – doch von uns erwartet man die gleiche Zuverlässigkeit wie von der Buchhaltung.

Ach ja, und dann diese tägliche Niederlage des Nichtwissens: Egal, wie viel du weißt und was du heute morgen noch gelernt hast; Im nächsten Meeting wird irgendjemand Wörter verwenden, die du vorher noch nie gehört hast. Und du wirst dich wieder sehr dumm fühlen. Und fügst deiner „dringend lesen“-Liste eine weitere Zeile hinzu. 

Irgendwann wird für dich als ich zuverlässigen Menschen, diese Schere zwischen den Anforderungen und den realen Möglichkeiten zum Problem. Dann liegst du morgens im Bett, fühlst dich wie ein verrostetes Teilchen eines durchgedrehten aber ansonsten funktionierenden Ganzen. Und in deinem Kopf erscheinen fünf Wörter: 

Du. Musst. Dich. Mehr. Anstrengen.

Geht es dir nicht auch manchmal so?

warum sind erfolgreiche digital-mitarbeiter gefährdet?

Ich kann das, wie oben gesagt, nicht wissenschaftlich belegen. Aber ich habe das Gefühl, dass wir „Digital Worker“ besonders eingespannt sind zwischen eignen Ansprüchen, unklarer Arbeitsgrundlage, unfertigen Organisationen, ungeübter Technik und ziemlich naiven Ansprüchen der anderen. Ich habe mich sogar schon dabei erwischt, Landschaftsgärtner um ihre Arbeit zu beneiden. Auch, wenn diese ganz sicher zurückweisen würden, einen „einfachen“ Job zu haben.

Nun zu ein paar Fakten: Soziale Arbeiter, Journalisten, Händler, Juristen, Lehrer und Manager sind – und dafür gibt es Untersuchungen (s.u.) – „Risikogruppen“ für seelische Erkrankungen. Ich denke, die „Digitale Branche“ kann für eine solche Liste gar nicht untersucht werden – weil wir in so sehr unterschiedlichen Jobs arbeiten: Wir schreiben, handeln, kümmern und um den Datenschutz, machen Webinare und managen teilweise ganze Agenturen. WIR sind als Einheit nicht unbedingt zu erkennen – also auch nur schwer zu erforschen.

Ich setze noch einen drauf: Denn ich meine, dass gerade „erfolgreiche“ Menschen im Online Marketing oder E-Commerce ein noch höheres Krankheitsrisiko für Depressionen, Burnout, Ängste oder Zwänge haben. Wieso?

  • Erfolgreiche Manager sind häufig auch für die zukünftigen Erfolge verantwortlich. Das kann auf der Seele lasten.
  • Wenn ein Programmierer richtig „genial“ ist, ist er vermutlich sehr schlau, kann sehr komplex denken und ist – hoffentlich – pedantisch. Das sind alles große Tugenden, die aus meiner Erfahrung nicht zu den Briefings neuer Apps oder Webseiten passen, die möglichst schnell und billig gebastelt werden sollen. Das kann sehr frustrierend sein. 
  • Mangels Personal ist nahezu überall (ob bei Agenturen oder Kunden) der Bedarf an „guten“ Leuten extrem hoch. Ist jemand dann sogar richtig klasse, wird sie oder er schnell befördert oder macht sich mit einem eigenen Team selbständig. Und wird bei Personal- und anderer Führung alleine gelassen.
  • Gerade erfolgreiche, begeisterte Gründer sehen sich häufig einer Phalanx von abgebrühten Investoren gegenüber, die alles besser wissen wollen und Demut einfordern. Auch das kann am Selbstbewusstsein kratzen – und die ursprünglichen Ziele zu öden KPIs verkommen lassen.

Und was ist mit den Kolleginnen und Kollegen unter uns, denen all das – scheinbar – nichts ausmacht? Die, die immer cool und pragmatisch sind, schon in jungen Jahren wie Manager verhandeln und lässig ihre Excel-Charts manipulieren? Nun, ich freue mich über jeden, der erhobenen Hauptes und voller Selbstbewusstsein durch diese Welt geht. Wenn es echtes Selbstbewusstsein und nicht nur Fassade ist…

welche störungen drohen?

In den vergangenen Monaten hatte ich – neben einigen sehr positiven Coachings – leider auch mit diesen seelischen Problemen zu tun: depressive Episoden, Burnout, Zwänge und Angststörungen. Ich vermute, dass einige auch unter „manischen Episoden“ oder gar „Bipolaren Störungen“ leiden. Allerdings wird ein „Maniker“ kaum in ein Coaching oder eine Therapie kommen –  denn er weiß eh schon alles…

Wichtig, vorab: Alle diese seelischen Krankheiten können auch durch körperliche Ursachen wie Gifte oder genetischer Veranlagung ausgelöst werden. Das muss natürlich vorher geklärt werden. Und: Die Beschreibungen im ICD-10 (Quelle siehe unten) beziehen sich auf die Ausprägungen mit „Krankheitswert“. Mir geht es hier darum, zu erkennen, ob man auf dem Weg dorthin ist.

Eine Depressive Episode

Diese bezeichnet man häufig als „Depression“. Und sie ist ein sehr freudloser und erschöpfter Zustand, der manchmal auch mit körperlichen Symptomen (Appetitlosigkeit, Schlafstörungen) einher geht. Betroffen davon sind, glaubt man dem Bestseller-Autor Klaus Bernhardt, Menschen mit einem (an sich nicht ungesunden) Zweck-Pessimismus: Wer zur Sicherheit eher den ungünstigeren Fall annimmt, wird vermutlich eher an einer Depression als an einem Burnout erkranken. Denn irgendwann bleibt morgens gar kein Lichtlein mehr übrig, dass noch scheint.

Der Burnout

Dieser wird zwar manchmal von einer Depression begleitet – ist aber klar davon abzugrenzen. Zwar sind die Symptome relativ ähnlich. Aber von einem Burnout sind, laut Bernhardt, eher die Perfektionisten bedroht. Wer immer alles „richtig“ machen will entwickelt dafür verdammt viel Energie. Und dann ist diese verbraucht. Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Weil man jemanden mit einem Burnout schon auch mal raten kann, endlich Urlaub zu machen. Ein Depressions-Klient wird gerade diese Erholung als unerträglich empfinden.

Die Manie

Oder eine Hypomanie zeichnet sich durch sehr viel Tatkraft und Energie aus. Leider auch durch extreme Risikobereitschaft. vermindertes Schlafbedürfnis und so weiter. Du kannst dir selbst ausdenken, wozu das führt. Zwar sind die Manischen Episoden ziemlich kurz – aber werden etwa bei einer Bipolaren Störung von einer umso schlimmeren Depression gefolgt. Oder sie führen schlicht zum Ruin des Patienten. Übrigens: Nur zur Erinnerung: Das ICD-10 spricht von „Störungen mit Krankheitswert“ – ich möchte gerne auch den Weg dorthin beschreiben.

Angststörungen und Panik-Attacken

Das kennen wir alle ein bisschen. Nur wird aus dem mulmigen Gefühl, wenn du vom Fernsehturm schaust, irgendwann eine echte Angst-Attacke mit körperlichen Symptomen. Das Herz rast, die Hände zittern und so weiter. Und dann, irgendwann, kommt die Angst vor der Angst: Schon der Gedanke, in eine U-Bahn steigen zu müssen, fühlt sich derart schlimm an, dass du die U-Bahn vermeidest. Dann die S-Bahn, dann die Autos, dann die Straße und schließlich kommst du gar nicht mehr aus dem Haus.

Zwangsstörungen

Wie es dazu kommt, dass jemand ständig seine Hände waschen muss oder kaum aus dem Haus kommt, weil die Herdplatte noch x mal kontrolliert werden muss, ist – wie bei allen genannten Störungen – unklar bzw. „multifaktoriell“. Die einen vermuten eine Störung in der „analen Phase“, andere vermuten Dopamin oder Senatorin aus dem Gleichgewicht und die Verhaltenstherapie glaubt an Konditionierung. Fest steht: Wer auch nur ansatzweise Zwänge verspürt, tut sich sehr schwer in der digitalen Welt.

Um das klar zu stellen: Ich meine nicht, dass alle in der Digitalen Wirtschaft irgend eine psychische Störung haben. Man muss ja bedenken, dass die Gründe fast immer multifaktoriell sind: Es müssen also Veranlagung, Entwicklungsgeschichte und aktuelle Umstände zusammen kommen, um eine Krankheit auszulösen. Ich meine aber, dass wir alle ein erhöhtes Risiko in Kauf nehmen. Bei mir selbst war es vor einigen Jahren eine somatoforme Störung, bei der sich wohl eine angehende Depression in fiesen körperlichen Symptomen gezeigt hat.

also: sind wir alle krank?

NEIN! Auf keinen Fall. Ich möchte hier weder allen digitalen Arbeitern eine psychische Störung diagnostizieren oder die Arbeit in der Branche verteufeln. Ich möchte dir zwei wichtige Botschaften schicken:

  1. Seelische Krankheiten sind keine Seltenheit – und sind schon lange kein „Mimimimi“ mehr. Gerade in unserer Branche und trotz Erfolg sind sie alltäglich. Wenn du morgen ein Meeting mit acht Menschen hast, leiden vielleicht drei oder vier von ihnen schon jetzt an einer Depression, einem Burnout, einer Zwangs- oder einer Angststörung.
  2. Durch „weiter-so“ oder „Arsch zusammen kneifen“ wird niemand gesund. Wer aber frühzeitig auf sich und seine Umwelt achtet, kann das tiefste Tal vermeiden. Und wer schon mittendrin steckt, sollte wissen, dass es auf jeden Fall Licht am Ende des Tunnels gibt.

Ich wiederhole: Ich finde es unglaublich spannend, als Online Marketer und jetzt auch als Coach und Therapeut zu arbeiten. Wir haben gemeinsam die Chance, eine ganze Industrie mitzugestalten. Ist das nicht großartig? Doch das hat auch seine Schattenseiten und unsere Arbeitsumstände können ziemlich anstrengend und manchmal auch frustrierend sind.

Wir müssen (und können) uns davor schützen, indem wir ganz besonders achtsam mit uns selbst und unserem System umgehen.

Ich möchte gerne eine Stimme in deinem Kopf sein, die dich daran erinnert, dass ihr euch frühzeitig Hilfe holt, falls es sich gerade nicht mehr gut anfühlt. Denn das ist besser, als auf den Schlag in die Fresse zu warten.

was kann man gegen solche „digitalen störungen“ tun?

Noch viel individueller als die Probleme sind natürlich die Wege hinaus. Manchen hilft vielleicht ein bisschen Yoga, Meditation oder gar ein paar Achtsamkeits-Impulse, um sich wieder besser spüren zu können. Andere entspannen lieber in einem therapeutischen Beratungsgespräch (vielleicht sogar mit einem wirklich guten Menschen aus dem privaten Umfeld) – und finden dadurch ihre Spur zurück. Häufig ist es sinnvoll, die Situation (beruflich und privat) mit systemischen Methoden aufzudecken.

Es gibt kein „du musst nur“ und kein allgemein-gültiges Rezept, wenn es um deine individuellen Schwierigkeiten geht. Aber fast immer geht es zunächst um das Wahrnehmen, dass ETWAS schräg läuft, dass es sich gerade nicht mehr gut anfühlt. Dies ist ein großartiger Startpunkt für eine Veränderung zum Besseren.

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